Frauenpolitik
Versuchter Femizid in Gera: Stellungnahme der Landesarbeitsgemeinschaft der Thüringer Interventionsstellen

24.03.2025
„Alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan.“ (Mt 25, 40b, BigS). Diese Worte sind Teil der Endzeitrede Jesu, in der er sich mit marginalisierten und an den Rand gedrängten Menschen identifiziert und zeigt, dass die Nächstenliebe das Entscheidende für unseren Glauben und unser Heil ist. Dies schließt unseren Umgang mit Frauen und Mädchen ein, die Gewalt ausgesetzt waren oder sind. Seine Worte fordern uns zum Handeln heraus. Angesichts des versuchten Femizids in Gera wiederholen wir unsere Forderungen aus dem Positionspapier 2023. Die Frauenvollversammlung der EKM erhebt ihre Stimme:Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen!Für den Schutz von Frauen und Mädchen vor geschlechtsspezifischer Gewalt in Kirche und Gesellschaft!
Wir veröffentlichen anbei eine Stellungnahme der Landesarbeitsgemeinschaft der Thüringer Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt:
"Nachdem ein Mann seine Frau in der Straßenbahn in Gera angezündet hat, gibt es eine öffentliche Debatte zum Thema Gewalt gegen Frauen und welche Schutzmaßnahmen es bräuchte. Wir, die Mitarbeiterinnen der Thüringer Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt, sind zutiefst betroffen über diese grausame Tat. Unser tiefes Mitgefühl und unsere Gedanken gehen an Frau K., ihre Angehörigen und an all diejenigen Menschen, die den Anschlag unmittelbar miterleben mussten.
Auf Grund dieses erschütternden Ereignisses und vor dem Hintergrund unserer täglichen Arbeit sind wir traurig, wütend und auch empört, dass einige Reaktionen auf die Tat von Personen des öffentlichen Lebens bzw. von verschiedenen Medien - eine Verantwortung der Frau in den Fokus stellen und nicht die Verantwortung des Täters, der eine versuchte Tötung, einen versuchten Femizid, verübt hat.
Es gibt vier Interventionsstellen in Thüringen, die flächendeckend tätig sind. Wir beraten Menschen, die häusliche Gewalt oder Ex-Partner*innen-Stalking erleben und setzen uns stetig dafür ein, dass sich die Bedingungen für Betroffene verbessern. Zu mehr als 80 Prozent sind das Frauen.
Warum Aufforderungen, sich zu trennen, gefährlich sind
Man hört immer wieder „Warum trennt sie sich denn nicht einfach?“, „Ich hätte mich schon längst von einem wie dem getrennt“, „Aber, wenn sie bei ihm bleibt, kann man ihr ja auch nicht helfen“… Für Frauen, die sich trennen, potenziert sich Gefährdung und Gefährlichkeit. Aufforderungen sich zu trennen, nützen nichts und gefährden eher, wenn vorab nicht ausreichend für den Schutz gesorgt werden konnte. Sie können, einfach so ausgesprochen, gefährlich sein. Paradoxerweise wird argumentativ eine Trennung häufig als „mildernder Umstand“ für den Täter genutzt – "eine Trennung war der Grund für einen Femizid". Impliziert das die gesellschaftliche Anerkennung von Gewalt, wenn eine Frau die Beziehung beendet hat?
Differenzierung tut not: Warnsignale früh genug erkennen, Aufklärung zu Gewaltdynamiken bei häuslicher Gewalt, Prävention vom Kindesalter an für die gesamte Zivilgesellschaft, Schulungen für Professionen, die mit Betroffenen häuslicher Gewalt in Berührung kommen, Männer einbeziehen in die Verantwortung z.B. in Form von Programmen in Täterprojekten, Sicherheitspläne. Auch die Umsetzung des Hochrisikomanagements in Thüringen, wie in der Istanbul-Konvention gefordert, muss schnellstmöglich mit ausreichenden Ressourcen an allen beteiligten Stellen vorangetrieben werden. Das sind unter anderem die Dinge, die passieren müssen, bevor man immer wieder das "Problem" an die Opfer zurückgibt.
Wir alle müssen das Problem lösen
In Thüringen wünschen wir uns die Anerkennung der Tatsache: Frauen, die häusliche Gewalt erleben, dürfen nicht als diejenigen angesehen werden, die das Problem häusliche Gewalt lösen können. Dafür braucht es uns alle!
Seit vielen Jahren fordern wir von der jeweiligen Landesregierung, dass sie die Verantwortung für alle Gewaltbetroffenen übernimmt und nicht nur für die, die es schaffen sich selbst Hilfe zu holen. Aktuell werden Betroffene bei einem Polizeieinsatz gefragt, ob sie mit der Weitergabe ihrer Daten an die zuständige Interventionsstelle einverstanden sind, oder ob sie sich selbst dort melden wollen.
Wir fordern die automatische Datenweitergabe nach Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt und die damit verbundene personelle Ausstattung. Auch damit wird man nicht jeden Femizid verhindern, aber definitiv mehr Menschen den Zugang zum Hilfesystem ermöglichen. Unter der Prämisse des Datenschutzes wurde die automatische Datenweitergabe bisher in Thüringen nicht als Möglichkeit forciert. Die spezielle Dynamik bei häuslicher Gewalt erfordert jedoch ein aktives Zugehen auf die Betroffenen, damit sie zeitnah zum Gewaltvorfall oder Anzeigenerstattung Hilfe angeboten bekommen. Die automatische Datenweitergabe an die Interventionsstelle kann ein wichtiger Bestandteil der Gefahrenabwehr sein und somit durchaus, wie z.B. in Mecklenburg-Vorpommern, praktikabel.
Wir fordern die Bereitstellung von zusätzlichen Ressourcen bei der Polizei und dem Unterstützungssystem für ein qualifiziertes und strukturiertes, klar festgelegtes und interdisziplinäres Hochrisikomanagement, das die Menschenrechte auf Unversehrtheit und auf ein freies selbstbestimmtes Leben zuvorderst in den Blick nimmt und achtet.
Das Thema Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt darf nicht nur am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen oder nach einem Ereignis, wie dem versuchten Femizid in Gera, präsent sein. Wir vermissen und fordern eine dem Ausmaß angemessene und durchgehend respektvolle Haltung sowohl von Medien, Politik und Verwaltung zu diesem Thema!"